Über mich

Illustration: Tina Zellmer

Worte begleiten mich, seit ich denken kann. Als Kind waren es Gedichte und Geschichten, die mir halfen, mit negativen Erfahrungen umzugehen. Sie gaben mir Halt, Orientierung und Ausdruck für das, was ich selbst noch nicht sagen konnte. Auch heute, in einer Zeit, in der Bilder oft als mächtiger gelten, halte ich an der Kraft der Sprache fest. Worte können verletzen, verbinden, aufrütteln – sie zeigen sich in Wutausbrüchen ebenso wie in Liebeserklärungen. Für mich werden sie in ihrer Bedeutung oft unterschätzt. Dabei sind sie eines unserer stärksten Werkzeuge, um miteinander in Beziehung zu treten.

Meine Perspektive: Fremdheit als Erfahrung – Ich kenne das Gefühl, „anders“ zu sein, bin oft umgezogen, musste mich immer wieder neu orientieren, war „die mit der anderen Herkunft“. Diese Erfahrungen waren nicht leicht. Aber sie haben meinen Blick geschärft – für Ausgrenzung, für Unsicherheit, für das, was zwischen Menschen Negatives passiert. Auch das prägt meine Arbeit.

Unterwegs: Mein Studium Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie (Frankfurt/Main und Berlin) hat meine Perspektive grundlegend geprägt. Ich wollte verstehen, warum Menschen sind, wie sie sind – nicht nur psychologisch, sondern im Zusammenspiel von Kultur, Struktur und Erfahrung. Ich lernte, dass nichts selbstverständlich ist. Und dass „Fremdes“ nicht bewertet, sondern zunächst wahrgenommen und verstanden werden will. Gleichzeitig wuchs in mir das Bedürfnis, dieses Wissen nicht nur analytisch, sondern auch künstlerisch auszudrücken. Ich begann, kleine Theaterstücke und Hörspiele zu schreiben und in Nachbarschaftshäusern zu inszenieren. Arbeitete nach dem Studium zuerst als Autorin fürs Fernsehen und versuchte dann, in den Filmbereich zu gehen, drehte eigene Kurzfilme, bewarb mich an der Filmhochschule – und scheiterte.

Der entscheidende Moment – 2008 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, poetisch mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich sagte „ja“ – ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet. Die Realität begann nicht am Schreibtisch, sondern vor einer Gruppe von Jugendlichen, die ungeduldig, desinteressiert, ablehnend waren. Ich musste lernen, meine Haltung zu verändern: Wenn sie sich verweigerten, musste ich neugierig werden. Wenn sie sich zurückzogen, musste ich verbindlich werden. Wenn nichts funktionierte, musste ich neue Wege finden. Ich begann, Verbindungen herzustellen, wo vorher keine waren.

Kulturelle Bildung als Erfahrungsraum – Zwischen 2008 und 2020 entstehen über 50 Projekte mit Hunderten von Menschen – Jugendliche und Erwachsene, mit und ohne Fluchterfahrung, aus unterschiedlichen sozialen Kontexten, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen. Was mich dabei immer wieder beeindruckt hat: Wie stark Kunst und Poesie wirken können – als Mittel, sich selbst zu verstehen und einen neuen Umgang miteinander zu finden. Ich entwickelte spielerische Methoden, die bis heute Grundlage meiner Arbeit sind, die nicht von oben vorgeben, sondern Beteiligung ermöglichen. Die Menschen nicht „abholen“, sondern ihnen einen Raum geben, selbst aktiv zu werden.

Schreiben als Forschung – Parallel dazu habe ich immer geschrieben. Über meine eigenen Projekte, über die Arbeit anderer, über das, was zwischen Menschen passiert. Ich verstand mein Schreiben zunehmend als eine Form ästhetischer Forschung: als Versuch, Alltagserfahrungen zu übersetzen – poetisch, dokumentarisch, emotional.

Ankommen – und weitergehen – Mit 49 Jahren dann meine erste feste Stelle: als Leiterin Vermittlung und Kuratorin für Outreach auf der Domäne Dahlem, Landgut und Museum, Berlin. Ein wichtiger Schritt – mit der Erkenntnis: Ich möchte vor allem gestalten, öffnen, verbinden. Deswegen gebe ich nach zweieinhalb Jahren die Leitung Vermittlung wieder ab, um mich ganz auf Outreach und wieder auf meine künstlerische Arbeit zu konzentrieren. Was mich bis heute antreibt: Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden.